Blogothek Eulenspiegel

Sein & Zeit Podcast

by Phil Eulenspiegel

Seit dem 13. September veröffentliche ich zusammen mit Ralf einen Podcast über Martin Heideggers „Sein & Zeit“. Wir lesen das Buch Paragraphen für Paragraphen und besprechen das Gelesene anschließend. Falls Interesse an diesem Projekt bestehen sollte; der Podcast findet sich unter:

https://seinundzeitpodcast.wordpress.com/

Auf Wiederhören.

Des Baldrians beruhigende Wirkung

by Phil Eulenspiegel

Ich lese gerade Gaston Bachelards „Bildung des wissenschaftlichen Geistes“. In diesem Buch vertritt Bachelard den Standpunkt, der wissenschaftliche Geist habe zu seiner Ausbildung gewisse Hindernisse zu überwinden, deren erstes die primäre Erfahrung sei. Als ein Beispiel unter zahlreichen anderen nennt er den Chemieunterricht. Bei bestaunenswürdigen Vorgängen ist die Aufmerksamkeit der Schüler ganz gebannt; wenn es aber um die abstrakten Schlüsse gehe, die aus den Beobachtungen gezogen werden müssen, hält sich die Begeisterung für das Gesehene selten durch. Des weiteren fand ich eine Stelle, in der Bachelard Ernest Jones zitiert, so interessant, dass ich Euch dieses Zitat einmal in voller Länge präsentieren will:

Die geläufige Verwendung von Baldrian als Mittel gegen Hysterie gibt uns ein gutes Beispiel für den Mechanismus der Rationalisierung an die Hand. Es sei daran erinnert, daß Teufelsdreck und Baldrian Jahrhunderte hindurch verabreicht wurden, weil man glaubte, die Hysterie werde durch die Wanderung des Uterus durch den ganzen Körper hervorgerufen; diesen übelriechenden Heilmitteln maß man die Fähigkeit bei, das Organ wieder an die rechte Stelle zu bringen, wodurch die hysterischen Symptome verschwinden mußten. Obwohl die Erfahrung diese Ansicht nicht bestätigt hat, behandelt man auch heute noch die meisten hysterischen Erkrankungen auf die gleiche Weise. Offensichtlich beruht die Beständigkeit, mit der dieses Mittel eingesetzt wird, auf der blinden Übernahme einer tief eingewurzelten Tradition, deren Ursprünge heute völlig vergessen sind. Die Notwendigkeit, den Studenten die Gründe für die Verwendung der fraglichen Stoffe zu erklären, hat die Neurologen veranlaßt, sie mit dem Etikett anti-spasmisch zu schmücken und ihre Wirkung recht spitzfindig in folgender Weise zu erklären: einer der Bestandteile des Baldrians, die Baldrian-Säure, wird als aktives Prinzip ausgewiesen und allgemein in Form eines Zink-Salzes, und, um seinen abstoßenden Geschmack zu überdecken, in einer Hülle von Zucker verabreicht. Einige mit den Ursprüngen dieser Behandlungsart vertraute moderne Autoritäten äußern ihre Bewunderung vor der Tatsache, daß die Alten trotz ihrer falschen Vorstellung von der Hysterie eine so wertvolle Behandlungsmethode haben entdecken können, wobei sie freilich eine völlig absurde Erklärung für deren Wirkung gaben. Solch eine hartnäckige Rationalisierung von Verfahren, deren ehemals irrationalen Charakter man gleichwohl sieht, läßt sich häufig beobachten…

Ernest Jones: Traité théorique et pratique de Psychoanalyse, Paris 1925, S. 25. (zitiert nach: Gaston Bachelard: Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes. Beitrag zu einer Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis, 1. Auflage, Frankfurt a. M. 1987, S. 85 f.)

Hier liegt nun natürlich kein Fall einer Überhöhung der primären Erfahrung vor, sondern einer der nachträglichen Rationalisierung eines falsch gefassten Urteils über die Ursachen der Hysterie. Gleichwohl kann man noch erahnen, dass zur Beibehaltung und „Veredelung“ des falschen Urteils irgendwann eine primäre Erfahrung den Ausschlag gegeben hat.

Teil(e) und Ganzes

by Phil Eulenspiegel

Mir war lange nicht klar, dass wir schon im allgemeinen Sprachgebrauch zwischen das und der Teil zu unterscheiden pflegen – der Gebrauch von Sprache ist ihren Benutzern eben nicht immer ganz durchsichtig. Mit ersterem scheint etwas Gegenständliches, das man etwa in einer Maschine finden würde, gemeint zu sein. Zweiteres hat einen anders gearteten Charakter: Der zweite Teil eines Buches kann damit gemeint sein oder etwa der Teil eines Landes, der …

Eigentlich muss man soweit gehen, dass unser alltägliches Leben von den Verhältnissen zwischen Teilen und Ganzen bestimmt ist. Man selbst ist ja nahezu immer Teil eines Ganzen und auch die eigenen Tätigkeiten ließen sich innerhalb Teil-Ganzes-Beziehungen verstehen. Wer darf heutzutage schon noch ganz ein Künstler sein, der vom Anfang bis zum Ende alles überblickt.

Lange Vorrede, kurzer Sinn. Ich bin über folgende Textstelle gestolpert, die mir höchst tiefsinnig erschien, gerade weil sie einerseits so trivial und andererseits so tiefschürfend ist:

Gewiß, ein Kopf kann, losgetrennt von dem Menschen, der ihn hat, vorgestellt werden. Eine Farbe, Form u. dgl. ist in dieser Weise nicht vorstellbar, sie bedarf eines Substrats, an dem sie zwar exklusiv bemerkt, von dem sie aber nicht abgelöst werden kann.

Edmund Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 2/1, Tübingen 1993, S. 241.

Wer sich einen Kopf, getrennt vom Leibe vorstellt, stellt sich nicht notwendigerweise einen vom Leibe abgetrennten Kopf vor. Unsere Vorstellungskraft kann, selbst wenn sie sich nur auf Teile bezieht, die Lebendigkeit des Ganzen mit transportieren. Ich kann in meiner Vorstellung einen Teil eines Körpers (offenbar ein „der Teil“) sehen, und dann zu den anderen übergehen, ohne dass der vorgestellte Körper als Ganzer sich dabei als in irgendeinem Sinne zerteilt geben würde.

Als wäre das nicht schon spannend genug, dürfen wir feststellen, dass Farbe und Form nicht ohne eine körperhafte Vorstellung im weitesten Sinne auskommt. Ich kann mir zwar nur eine Farbe vorstellen; das aber nur wenn ich sie zweidimensional ins Unendliche erstrecken lasse. Ich brauche also notwendig die Ausdehnung, um Farbe überhaupt vorstellbar zu machen. Ohne sagen zu wollen, dass Ausdehnung immer körperhaft ist, muss man ja doch zugestehen, dass Ausdehnung unzweifelhaft zu den Körpern gehört.

Farbe und Form bemerken wir eben nur an etwas, um das Zitat wieder aufzugreifen. Ich kann mir aber nicht eine Farbe vorstellen, ohne sie in meiner Vorstellung zumindest flächig zu machen. Bei der Form ist es ungleich schwieriger…

Ein Gespenst geht um in der Universität – das Gespenst der Philosophie

by Phil Eulenspiegel

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Zitat im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin

Diese elfte und letzte der so genannten Feuerbach-Thesen ist wohl einer der berühmtesten Aussprüche Marx‚, wenn nicht sogar der berühmteste. Aber was will dieser Satz uns eigentlich sagen? Dass Philosophie doof ist und man nun endlich mal was machen soll? – Ganz so krass ist er sicherlich nicht gemeint, obwohl Marx in seinen Texten ja sonst auch nicht gerade schonungslos demgegenüber verfährt, was er für falsch hält.

In dieser These geht es vielmehr darum, dass sich die Arbeit der Philosophie zu seiner Zeit aufs Äußerste weltabgewandt zeigte und statt eine Rückwirkung auf die gesellschaftlichen Wirklichkeiten anzustreben, eher Abstand von ihnen zu gewinnen gedachte, um in einer Art Betrachtung derselben zu verharren. Da ich soeben „zu seiner Zeit“ geschrieben habe, könnte sich das so anhören, als hätte die heutige Philosophie sich seitdem geändert, aber tatsächlich ist dem nicht so. Der marxsche Befund – wenn man ihn als solchen annehmen will – gilt also noch. Die Philosophie brütet tatsächlich kaum über anderes als theoretische Zusammenhänge und hält sich, wenn man sie mal mit der Soziologie vergleicht (die es zu Marx‘ Zeiten übrigens noch nicht gab), vergleichsweise weit von Fragen zum konkreten gesellschaftlichem Gegen- bzw. Miteinander entfernt. Wenn sich also nichts daran geändert hat, wie Philosophie ist, muss doch die angemahnte Veränderung von anderswo gekommen sein, da wir doch den Marxismus durchaus als weltbewegende Denkart in Vergangenheit und Gegenwart verorten können. Darauf lässt sich entgegnen: Diese Veränderung ist selbstverständlich doch aus der marxschen Philosophie gekommen, aber die marxsche Philosophie ist eben nicht zur Philosophie AN SICH geworden. Sie wurde zu einer argumentativ äußerst belastbaren Grundlage für die Formulierung politischer Ziele, die zu zahlreichen Revolutionen geführt haben; zu einer Richtlinie, wie alle Philosophie zu sein hätte, wurde sie dadurch aber nicht. Und man sollte sich doch auch die Frage stellen, ob EINE Philosophie das überhaupt können solle bzw. ob die Marxsche Philosophie hinsichtlich ihrer Wirkung ein Vorbild für alle anderen Philosophien abgeben solle.

Hegel, ein Philosoph mit dem Marx sich intensiv beschäftigte, war – etwas überspitzt formuliert – der Ansicht, dass die Philosophie mit ihm selbst abgeschlossen sei, da es nach ihm nichts weiteres mehr zu sagen gäbe. Marx wiederum habe, so Friedrich Engels, Hegel „vom Kopf […] wieder auf die Füße gestellt.1. Der Absolutheitsanspruch auch DIE Philosophie AN SICH zu sein, so wage ich zu behaupten, bleibt aber bei beiden derselbe, auch wenn das Denken über die Welt und die Gesellschaft bei diesen zwei Denkern verschieden ist. Nun hat Marx natürlich an verschiedensten Stellen in seinem Werk gesagt, dass Hegel hier und da falsch gelegen hätte, an anderen Stellen aber durchaus klarsichtig gewesen sei. Das ist natürlich eine legitime Vorgehensweise, da man, wenn man sich mit Philosophie beschäftigt, ziemlich schnell einsieht, dass man nicht bodenlos einfach drauflos philosophieren kann. Es zeigt aber auch, dass jede Philosophie geschichtliche Dimensionen hat und jede einzelne Philosophie nur Teil der Philosophiegeschichte sein kann. Die Summe aller Philosophien der Philosophiegeschichte ist damit aber wiederum keineswegs die Philosophie AN SICH.

Aber in Marx‘ These bleiben die Philosophen ja auch Philosophen und damit bloß Denker, die keine Taten aus ihrer Philosophie folgern. Man könnte sie also ungefähr so paraphrasieren: Die Philosophen haben alle bloß gedacht und ihr Denken nicht darauf gerichtet, die Umstände zu verändern. Aber sollte ein Philosoph sein Denken überhaupt notwendig an die Möglichkeiten zur Veränderung knüpfen? – Ich möchte das bezweifeln, weil es sich eigenartigerweise wie eine Forderung anhört, die heutzutage aus einer ganz anderen Richtung erklingt.

Ich gehe einfach mal davon aus, dass auch der Leser noch geneigt sein wird die Philosophie als zu den Wissenschaften gehörig anzunehmen. Der Wissenschaft geht es um die Erweiterung des Wissens. Von einem Teil dieses Wissens kann man sagen, dass es nützt. Von einem anderen Teil könnte man sagen, dass es nicht nützt. Ich behaupte nun, dass es so einfach nicht ist und möchte folgende Beispiele zur Erläuterung anführen: Die Mechanik nützt beim Maschinenbau, die Genetik bei der Züchtung von resistenteren Nutzpflanzen und die Mathematik wird bei vielen der anderen Naturwissenschaften gebraucht. Bei der Mechanik ist sofort klar, dass sie einen engen praktischen Bezug hat. Man muss sie zu Rate ziehen, wenn man eine mechanische Apparatur bauen oder reparieren möchte, aber das ist noch nicht alles. Die in ihr formulierten Gesetze sind bei der Forschung als Wissensbestand anwendbar. Bei der Genetik ist das Verhältnis schon ein anderes: Sie wird nicht in erster Linie betrieben, um resistente Pflanzen zu züchten, sondern um etwas über die Bausteine organischen Lebens zu erfahren. Sie ist nicht so tiefgehend ergründet wie die Mechanik und ist deswegen noch kein Bestand, sondern Forschung im Vollzug. Dass sie nutzbringend eingesetzt wird, ist sozusagen ein Nebenprodukt der Forschung. Die Mathematik schließlich ist in keiner Weise nur für die Naturwissenschaften da, sondern von diesen ganz unabhängig. Sie ist eine eigenständige Disziplin. Ihren Fortschritt generiert sie ganz ohne den Bezug auf die Empirie. Sie basiert auf reiner Logik und ist ganz ohne experimentelle Methoden betreibbar. Sie wird von der Naturwissenschaft zwar genutzt; bedarf aber wiederum ihrer nicht notwendig, um arbeiten zu können. Von der Mechanik und der Genetik kann man sagen, dass sie einmal restlos erforscht sein könnten. Ihr Nutzen würde sich dann dadurch bestätigen, dass sie in den Bestand des Wissens übergehen und von dort entnommen werden könnten, wenn sie gebraucht werden. Bei der Mathematik hat man solche Aussichten kaum. Eine Art Ende der mathematischen Einsichten ist keineswegs in Sicht. Nehmen wir mal an, dass es in den konventionellen Naturwissenschaften nichts mehr zu forschen gebe, würde man dann sagen, es mache nun auch keinen Sinn mehr Mathematik noch weiter zu betreiben, da sie sich nicht mehr für jene nützlich machen kann? Wissenschaft von einem Nutzen abhängig machen zu wollen, halte ich schon deswegen für eine gefährliche Fehlannahme.

Von so einer Perspektive sind wir heutzutage natürlich noch weit entfernt, aber unlängst stellt man der Philosophie, die sich scheinbar nicht mal mittelbar nutzen lässt, das Testat aus, nicht von Nutzen zu sein. Sie sei für den Rest der Wissenschaften, sowie den Arbeitsmarkt uninteressant und so genannte Drittmittel für die Forschung könne sie sich auch nicht eigenständig beschaffen. „Weg also mit dem Plunder!“ hört man die Anhänger einer ökonomisch-straff eingerichteten Universität schon fast laut aussprechen, die mit dem Rotstift bestimmen wollen, was das Anliegen der Wissenschaft sein soll. Umso komischer also, dass Marx auch die Forderung an die Philosophie stellt, Veränderung zu bringen, als ob sie nun endlich zu nützen habe. Natürlich unterscheiden sich Marx und die Anhänger einer ökonomisch-straff eingerichteten Universität darin, dass jener die Befreiung der Unterdrückten und diese eine Effizienzmaximierung anstreben. – Ein himmelweiter Unterschied also.

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1Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 21, 5. Auflage, Ost-Berlin 1975, S. 293.

Theorie als Behälter

by Phil Eulenspiegel

Erfahrungsgemäß wird das Feld der – sagen wir mal – theoretischen Philosophie von Studenten eher gemieden. Das kann daran liegen, dass ein Übermaß an Theorie selbst Philosophiestudenten abschreckt oder vielleicht auch daran, dass man um einen Text einfach nicht herumkommt: Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Ein Text von dem Heinrich Heine behauptet, er sei in „grauem, trockenen Packpapierstil“ geschrieben. Wer wollte dem widersprechen? Die Erklärung Heines aber, warum Kant dies tue, ist viel interessanter:

Ich glaube, weil er [Kant] die mathematische Form der Descartes-Leibniz-Wolffianer verwarf, fürchtete er, die Wissenschaft möchte etwas von ihrer Würde einbüßen, wenn sie sich in einem leichten, zuvorkommend heiteren Tone ausspräche. Er verlieh ihr daher eine steife, abstrakte Form, die alle Vertraulichkeit der niederen Geistesklassen kalt ablehnte.

Ich denke, dass die Studenten die theoretische Philosophie oft meiden, liegt daran – der Grund, dass sie tatsächlich schwer ist, einmal beiseite – , dass dasjenige über das dort gesprochen werden soll eigentlich lieber einer anderen Wissenschaftsdisziplin zugeschlagen wird, nämlich der Psychologie. Und da wären wir auch schon wieder bei der mathematischen Form, an die Heine hier erinnert, denn die Psychologie ist eine Naturwissenschaft, die sich nicht zuletzt mathematischer Verfahren bedient.

Ich denke des Weiteren, dass man bei dieser Herangehensweise etwas übersieht, das einen mindestens genauso wundern macht, als hätte man die neuesten Entdeckungen über die menschliche Psyche frisch aus dem Magnetresonanztomographen extrahiert. Wir haben Konzepte der psychischen Leistungen bevor wir sie naturwissenschaftlich untersuchen und nicht selten ist es so, dass diese Konzepte implizit Anwendung finden, bevor sie sich nüchtern und wissenschaftlich in Luft auflösen.

Manfred Sommer, seines Zeichens theoretischer Philosoph bei dem ich hören durfte,  macht dies am Beispiel des Gedächtnisses einigermaßen fassbar. Die einfachste Vorstellung, die wir uns vom Gedächtnis machen können, ist die des Behälters. Der moderne Mensch würde jetzt vielleicht spitz darauf antworten, dass er sich das Gedächtnis aber lieber als Festplatte vorstelle. Das lassen wir ihm einfach – allerdings mit dem Kommentar, dass die Festplatte ja auch nichts weiter als ein Behälter sei. Der Begriff Behälter ist ja kein konkretes Ding, sondern ein Konzept, das das Halten von etwas (einem Inhalt) beschließt. Der Inhalt des Behälters namens Gedächtnis ist die Erfahrung. Und wie sich diese einerseits mit dem Bewusstsein und andererseits mit sich selbst verknüpft, ist eine Frage theoretischer Philosophie.

Zum Schluß aber noch ein bemerkenswertes Zitat aus diesem Zusammenhang:

[…] der Behälter umschließt nur den beweglichen Ort, an dem Erfahrung sich bildet, läßt aber offen, was dort geschieht. Für das, was sich im Inneren dieser Sammeltasche abspielt, brauchen wir nicht nur andere Bilder, wir haben auch die Freiheit, sie auszuwählen. Für den Vorgang, wie aus vielen Teilen, die nacheinander kommen, das Ganze einer Erfahrung wird, und wie die Teile dieses Ganzen sich dann in ihm zueinander verhalten: dafür hat jede Epoche dann ihre je eigenen Entdeckungen, Erfindungen und Erfahrungen als Bildspender zur Verfügung. Da werden Fäden gesponnen, Stoffe gewebt und Netze geknüpft; da wird mechanisch verdrängt und gesellschaftlich assoziiert; zum militärischen Konflikt tritt die politische Abspaltung, zur musikalischen Dissonanz das medizinische Trauma, zur geologischen Sedimentierung die hermeneutische Uminterpretation.

Manfred Sommer: Sammeln. Ein philosophischer Versuch, Frankfurt a. M. 2002, S. 314.

Gedächtnis und Erfahrung sind eben keine Dinge unter Dingen, sondern von vornherein Abstrakta, die allzu gerne eine Symbiose mit Metaphern eingehen.