
Zitat im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin
Diese elfte und letzte der so genannten Feuerbach-Thesen ist wohl einer der berühmtesten Aussprüche Marx‚, wenn nicht sogar der berühmteste. Aber was will dieser Satz uns eigentlich sagen? Dass Philosophie doof ist und man nun endlich mal was machen soll? – Ganz so krass ist er sicherlich nicht gemeint, obwohl Marx in seinen Texten ja sonst auch nicht gerade schonungslos demgegenüber verfährt, was er für falsch hält.
In dieser These geht es vielmehr darum, dass sich die Arbeit der Philosophie zu seiner Zeit aufs Äußerste weltabgewandt zeigte und statt eine Rückwirkung auf die gesellschaftlichen Wirklichkeiten anzustreben, eher Abstand von ihnen zu gewinnen gedachte, um in einer Art Betrachtung derselben zu verharren. Da ich soeben „zu seiner Zeit“ geschrieben habe, könnte sich das so anhören, als hätte die heutige Philosophie sich seitdem geändert, aber tatsächlich ist dem nicht so. Der marxsche Befund – wenn man ihn als solchen annehmen will – gilt also noch. Die Philosophie brütet tatsächlich kaum über anderes als theoretische Zusammenhänge und hält sich, wenn man sie mal mit der Soziologie vergleicht (die es zu Marx‘ Zeiten übrigens noch nicht gab), vergleichsweise weit von Fragen zum konkreten gesellschaftlichem Gegen- bzw. Miteinander entfernt. Wenn sich also nichts daran geändert hat, wie Philosophie ist, muss doch die angemahnte Veränderung von anderswo gekommen sein, da wir doch den Marxismus durchaus als weltbewegende Denkart in Vergangenheit und Gegenwart verorten können. Darauf lässt sich entgegnen: Diese Veränderung ist selbstverständlich doch aus der marxschen Philosophie gekommen, aber die marxsche Philosophie ist eben nicht zur Philosophie AN SICH geworden. Sie wurde zu einer argumentativ äußerst belastbaren Grundlage für die Formulierung politischer Ziele, die zu zahlreichen Revolutionen geführt haben; zu einer Richtlinie, wie alle Philosophie zu sein hätte, wurde sie dadurch aber nicht. Und man sollte sich doch auch die Frage stellen, ob EINE Philosophie das überhaupt können solle bzw. ob die Marxsche Philosophie hinsichtlich ihrer Wirkung ein Vorbild für alle anderen Philosophien abgeben solle.
Hegel, ein Philosoph mit dem Marx sich intensiv beschäftigte, war – etwas überspitzt formuliert – der Ansicht, dass die Philosophie mit ihm selbst abgeschlossen sei, da es nach ihm nichts weiteres mehr zu sagen gäbe. Marx wiederum habe, so Friedrich Engels, Hegel „vom Kopf […] wieder auf die Füße gestellt.“. Der Absolutheitsanspruch auch DIE Philosophie AN SICH zu sein, so wage ich zu behaupten, bleibt aber bei beiden derselbe, auch wenn das Denken über die Welt und die Gesellschaft bei diesen zwei Denkern verschieden ist. Nun hat Marx natürlich an verschiedensten Stellen in seinem Werk gesagt, dass Hegel hier und da falsch gelegen hätte, an anderen Stellen aber durchaus klarsichtig gewesen sei. Das ist natürlich eine legitime Vorgehensweise, da man, wenn man sich mit Philosophie beschäftigt, ziemlich schnell einsieht, dass man nicht bodenlos einfach drauflos philosophieren kann. Es zeigt aber auch, dass jede Philosophie geschichtliche Dimensionen hat und jede einzelne Philosophie nur Teil der Philosophiegeschichte sein kann. Die Summe aller Philosophien der Philosophiegeschichte ist damit aber wiederum keineswegs die Philosophie AN SICH.
Aber in Marx‘ These bleiben die Philosophen ja auch Philosophen und damit bloß Denker, die keine Taten aus ihrer Philosophie folgern. Man könnte sie also ungefähr so paraphrasieren: Die Philosophen haben alle bloß gedacht und ihr Denken nicht darauf gerichtet, die Umstände zu verändern. Aber sollte ein Philosoph sein Denken überhaupt notwendig an die Möglichkeiten zur Veränderung knüpfen? – Ich möchte das bezweifeln, weil es sich eigenartigerweise wie eine Forderung anhört, die heutzutage aus einer ganz anderen Richtung erklingt.
Ich gehe einfach mal davon aus, dass auch der Leser noch geneigt sein wird die Philosophie als zu den Wissenschaften gehörig anzunehmen. Der Wissenschaft geht es um die Erweiterung des Wissens. Von einem Teil dieses Wissens kann man sagen, dass es nützt. Von einem anderen Teil könnte man sagen, dass es nicht nützt. Ich behaupte nun, dass es so einfach nicht ist und möchte folgende Beispiele zur Erläuterung anführen: Die Mechanik nützt beim Maschinenbau, die Genetik bei der Züchtung von resistenteren Nutzpflanzen und die Mathematik wird bei vielen der anderen Naturwissenschaften gebraucht. Bei der Mechanik ist sofort klar, dass sie einen engen praktischen Bezug hat. Man muss sie zu Rate ziehen, wenn man eine mechanische Apparatur bauen oder reparieren möchte, aber das ist noch nicht alles. Die in ihr formulierten Gesetze sind bei der Forschung als Wissensbestand anwendbar. Bei der Genetik ist das Verhältnis schon ein anderes: Sie wird nicht in erster Linie betrieben, um resistente Pflanzen zu züchten, sondern um etwas über die Bausteine organischen Lebens zu erfahren. Sie ist nicht so tiefgehend ergründet wie die Mechanik und ist deswegen noch kein Bestand, sondern Forschung im Vollzug. Dass sie nutzbringend eingesetzt wird, ist sozusagen ein Nebenprodukt der Forschung. Die Mathematik schließlich ist in keiner Weise nur für die Naturwissenschaften da, sondern von diesen ganz unabhängig. Sie ist eine eigenständige Disziplin. Ihren Fortschritt generiert sie ganz ohne den Bezug auf die Empirie. Sie basiert auf reiner Logik und ist ganz ohne experimentelle Methoden betreibbar. Sie wird von der Naturwissenschaft zwar genutzt; bedarf aber wiederum ihrer nicht notwendig, um arbeiten zu können. Von der Mechanik und der Genetik kann man sagen, dass sie einmal restlos erforscht sein könnten. Ihr Nutzen würde sich dann dadurch bestätigen, dass sie in den Bestand des Wissens übergehen und von dort entnommen werden könnten, wenn sie gebraucht werden. Bei der Mathematik hat man solche Aussichten kaum. Eine Art Ende der mathematischen Einsichten ist keineswegs in Sicht. Nehmen wir mal an, dass es in den konventionellen Naturwissenschaften nichts mehr zu forschen gebe, würde man dann sagen, es mache nun auch keinen Sinn mehr Mathematik noch weiter zu betreiben, da sie sich nicht mehr für jene nützlich machen kann? Wissenschaft von einem Nutzen abhängig machen zu wollen, halte ich schon deswegen für eine gefährliche Fehlannahme.
Von so einer Perspektive sind wir heutzutage natürlich noch weit entfernt, aber unlängst stellt man der Philosophie, die sich scheinbar nicht mal mittelbar nutzen lässt, das Testat aus, nicht von Nutzen zu sein. Sie sei für den Rest der Wissenschaften, sowie den Arbeitsmarkt uninteressant und so genannte Drittmittel für die Forschung könne sie sich auch nicht eigenständig beschaffen. „Weg also mit dem Plunder!“ hört man die Anhänger einer ökonomisch-straff eingerichteten Universität schon fast laut aussprechen, die mit dem Rotstift bestimmen wollen, was das Anliegen der Wissenschaft sein soll. Umso komischer also, dass Marx auch die Forderung an die Philosophie stellt, Veränderung zu bringen, als ob sie nun endlich zu nützen habe. Natürlich unterscheiden sich Marx und die Anhänger einer ökonomisch-straff eingerichteten Universität darin, dass jener die Befreiung der Unterdrückten und diese eine Effizienzmaximierung anstreben. – Ein himmelweiter Unterschied also.
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