Unter Freunden – Ähnlichkeiten zwischen Rom und den USA

von Phil Eulenspiegel

Wenn man an die außenpolitische Handlungsweise der Vereinigten Staaten von Amerika denkt, drängt sich ein Vergleich mit dem alten Rom oft auf. Nun gehöre ich nicht unbedingt zu denjenigen, denen aufgrund ihrer exzellenten geschichtlichen Bildung sofort klar wird, was gemeint ist, wenn dieser Vergleich gezogen wird. Ich hatte vor Kurzem Caesars gallischen Krieg zu meiner Klolektüre erkoren und fand darin eine für jenen Zusammenhang doch ganz interessante Stelle.

Das Buch flog hier noch rum, da ich es mir damals als Stütze für die Übersetzungen im Lateinunterricht zulegen musste. Über die im Unterricht geforderten Textstellen hinaus hatte ich das Buch nie gelesen – ich war eben der Überzeugung, dass es von antiken Feldzügen in unseren friedlichen Zeiten nichts Besonderes zu lernen geben konnte.

Daran rüttelt die nun nachgeholte Lektüre auch nicht viel, aber sie war zumindest irgendwie unterhaltsam, sofern man das von einem Buch sagen kann, in dem es ausschließlich um den Krieg geht. Caesar scheint jedenfalls einen scharfen Verstand gehabt zu haben, wenn man seinen Schilderungen über seine Maneuver glauben schenken darf.

Ich bin, wie gesagt, nicht wirklich tief drin in den geschichtlichen Zusammenhängen und deswegen ziemlich froh darüber, dass in dem Nachwort – wie sich das gehört – eine historische Einordnung vorgenommen wird. Aus diesem stammt nun endlich das Folgende:

Der […] für die damaligen Zeitgenossen selbstverständliche Hegemonialanspruch Roms bedeutete für den zwischenstaatlichen Verkehr, daß es zwischen den Partnern nur noch Unterordnung, keine Gleichberechtigung mehr gab, obwohl das Verhältnis Roms zu anderen Staaten weiterhin mit den traditionellen Begriffen bezeichnet wurde. Diese Tatsache führte im Fall Ariovists, der als »Freund des römischen Volkes« geehrt worden war, zu einem verhängnisvollen Mißverständnis auf seiten der Germanen. Caesars Haltung Ariovist gegenüber ist davon bestimmt, daß er ihn weniger als gleichberechtigten Vertragspartner denn als Clienten Roms betrachtet, worauf auch die Verwendung des Begriffs beneficium, der aus dem Bereich des Clientelverhältnisses stammt, hinweist.

[…]

Auch die Sicherung der Bundesgenossen, um die es Caesar wohl zunächst ging, war in römischen Augen die Sicherung von Abhängigen, die sich unter den Schutz Roms begeben hatten und für die Rom verantwortlich war.

[…]

Die Bereitschaft der gallischen Stämme, sich unter Roms Schutzherrschaft zu stellen, wird jedoch als selbstverständlich vorausgesetzt, und es leuchtet daher ein, daß vom 2. Buch der Commentarien an nur noch von Aufstand gesprochen wird, wenn sich auch bis dahin nicht unterworfene Völker gegen Rom zusammenschließen.

Deißmann, Marieluise: Nachwort, in: Caesar, Der Gallische Krieg, Stuttgart 1980, S. 344 f.

Beim Lesen dieser Zeilen war es mir nahezu unmöglich nicht auch an die aktuellen Enthüllungen in Sachen NSA zu denken. Die Gleichzeitigkeit von „Geringschätzung“ und Freundschaft fand ich doch einfach zu bemerkenswert. Deswegen hoffe ich, dass Ihr ganz unformal etwas mit diesem Zitat anfangen könnt – wie das unter Freunden eben so üblich ist.

Ein kleiner philosophischer Nachtrag: Die Passage über das Gleichbleiben der Begriffe bei gleichzeitiger Änderung der Auffassung erinnert mich desweiteren stark an ein Tutorium zu Hans Blumenberg, das ich einmal besuchte. Das Fazit, das ich für mich daraus zog, war, dass die Änderungen der Umstände „sprachlos“ von statten gehen – man also vor und gleichzeitig mit der Änderung nicht das nötige Vokabular zur Verfügung hat, um zu begreifen, wie einem geschieht. Das ist natürlich noch etwas Anderes als der nahezu allumfassende Wittgensteinsche Sprach-Skeptizismus, aber zumindest ein Moment, in dem er wirklich greift und die Festigkeit der Absprachen fundamental in Frage zu stellen vermag.

Advertisements